Wer war Hermann von Helmholtz

„Ich war nie die schweigende Gattin, ich wollte teilhaben!“

Anna von Helmholtz war eine Persönlichkeit: Bekannt war sie zwar vor allem als Ehefrau, aber ihre legendären Salons waren der Prototyp großbürgerlicher Geselligkeit in ihrer Zeit. Ein fiktives Interview.

Frau Baronin von Helmholtz, darf ich Sie mit Frau von Helmholtz ansprechen?
Anna von Helmholtz (AvH): Gerne, ein gepflegter Umgang glänzt durch seine Schlichtheit.

Besten Dank! Sie sind eine faszinierende Frau: Ehefrau und Begleiterin eines der bekanntesten Forscher des 19. Jahrhunderts, stammen aus bestem Hause und bleiben zugleich im Hintergrund. Können Sie – gleich Ihrem Manne mit seiner Forschung zur Optik – hier ein wenig mehr Licht ins Dunkel bringen? 
AvH: Gerne, wenn es Ihnen hilft.

Als Hermann von Helmholtz 1858 an die Universität in Heidelberg berufen wurde und Sie sich kennenlernten – wie gut waren Sie auf die große Aufgabe vorbereitet, ihn zu begleiten? Immerhin wurde er weltweit gefeiert und von Staatsoberhäuptern, Königen und Kaisern empfangen.
AvH: Mein Vater Robert von Mohl war Staatsmann, meine Onkel waren Wissenschaftler, mein Bruder im diplomatischen Dienst. Unsere Familiengespräche bei Tisch waren meine Universität. Leider durften Frauen nicht studieren, doch stand Bildung bei uns hoch im Kurs. Meine Eltern sendeten mich für fast zwei Jahre zu meiner Tante nach Paris, wo ich die Bekanntschaft mit ihrem Salon und so vielen interessanten Menschen machen durfte. Auch England habe ich kennengelernt. 

Wären Sie denn gerne selbst Forscherin geworden? 
AvH: Interessiert hätte es mich, doch es war ganz und gar unüblich. Und ich wollte auch nicht mit meinem Mann konkurrieren. Zugleich war Hermann seiner Zeit voraus: Er sah Frauen in der Forschung als gleichberechtigt an. Seine erste Frau arbeitete als Assistentin mit ihm im Laboratorium in Königsberg. Ich habe nicht mit ihm im Labor gestanden. Wir heirateten bald, ich hatte seine ersten beiden Kinder mitzuversorgen, den Haushalt zu führen, dann kamen unsere eigenen Kindern Robert, Ellen und Fritz auf die Welt. Dennoch prägte der Austausch über die Wissenschaft unsere Gespräche als Ehegatten – und wir teilten diese Begeisterung mit unseren Kindern. Geistige Arbeit und Intelligenz waren Hermann und mir auch im Privaten immens wichtig – also das gemeinsame Leben über das Niveau des Alltäglichen zu heben.

Sie haben wissenschaftliche Übersetzungen angefertigt, dafür benötigt man ein tiefes Verständnis des Gegenstandes.
AvH: Natürlich habe ich mich oft mit Hermann über seine Forschung unter-halten, allgemeinere Fragen diskutiert –  wie zum Beispiel, wie wenig wir vom Licht wissen, dass man Äther nicht sehen kann, wie Körper und Geist zusammenhängen und wie man die Welt erkennen kann. Dann habe ich die Übersetzungen auf Wunsch und unter der Aufsicht von Hermann erarbeitet, ich verstand den Gegenstand nicht allerorten. Einmal gelang mir eine Übersetzung des britischen Physikers Tyndall so gut, dass er sich mit einer Perlenbrosche bedankte. Ich war also nie die schweigende Gattin bei den Treffen mit Kollegen, ich wollte teilhaben. Doch schwiegen Frauen oft bei Tisch, etwa als ich ein Dîner gab mit lauter gelehrten Herren und ungelehrten Frauen am Tisch. Erst bei den schönen Künsten wurde es lebhaft.

Ihr Gatte sah sie also nicht nur für die schönen Künste zuständig? 
AvH: In den vielen gemeinsamen Jahren sah er mich als ernsthafte Gesprächspartnerin. Wenn er nicht zu erschöpft war, sprachen wir viel miteinander. Das haben wir beide sehr genossen. Ich war sein Bindeglied zur Außenwelt. Seine erhabene Ruhe bedeutete für mich zugleich eine große Verpflichtung: unseren Alltag zu bewältigen, auch ihn von lästigen Besuchern abzuschirmen. Seit er in Berlin war, sah ich ihn fast nicht mehr: Er kam abends todmüde heim, aß, schlief, und musste drei-, viermal wöchentlich zu Sitzungen. Es war eine wahre Hetzjagd und kein Leben zu nennen. Das änderte sich zum Glück, als sie endlich unser Institut bauten (die Physikalisch-Technische Reichsanstalt – Anm. d. A.) und unsere Wohnung im Gebäude. In den Jahren, als er kränkelte, war ich dann seine mitreisende Gesundheitsbehörde, wie die Ärzte sagten. 

Salongesellschaft: Hermann von Helmholtz (links) und Anna (zweite Dame von links) veranstalteten nicht nur selbst Abendgesellschaften, sondern besuchten auch wie abgebildet andere Salons wie etwa den von Frau von Schleinitz (vorne links). Gäste waren Wissenschaftler und Künstler, aber auch beispielsweise Kronprinzessin Victoria (vierte Dame von links) und Kronprinz Friedrich Wilhelm (vierter Herr von rechts). Zeichnung: Adolph Menzel
Salongesellschaft: Hermann von Helmholtz (links) und Anna (zweite Dame von links) veranstalteten nicht nur selbst Abendgesellschaften, sondern besuchten auch wie abgebildet andere Salons wie etwa den von Frau von Schleinitz (vorne links). Gäste waren Wissenschaftler und Künstler, aber auch beispielsweise Kronprinzessin Victoria (vierte Dame von links) und Kronprinz Friedrich Wilhelm (vierter Herr von rechts). Zeichnung: Adolph Menzel

Und diese Rolle hat Sie nicht gestört? Sie haben einmal „vom verderblichen Absolutismus des stärkeren Geschlechts“ geschrieben.
AvH: Ich habe oft bemerkt, dass die Männer alles bestimmen. Ich hatte mir jedoch vorgenommen, Hermann unterstützend zur Seite zu stehen – ganz wie die Rolle der guten Ehefrau es verlangte. Selbst meine Pflicht als Gattin und Mutter konnte ich so als heiteres Tun am anderen sehen. Zugleich konnte ich Gast in Hermanns Welt der Wissenschaft sein, denn ich war die Frau des ersten Gelehrten unseres Jahrhunderts, wie ihn jemand nannte.

Sind Sie denn für die Frauenrechte eingetreten?
AvH: Auch wenn ich mich nie öffentlich für die bürgerliche Frauenbewegung aus­sprach, bin ich ihr innerlich verbunden gewesen und habe mich daher ehrenamtlich in den Dienst gemeinnütziger Institutionen gestellt. Am Anfang stand ich damit allein unter den Berliner Damen.

Die Bezeichnung als starkes oder schwaches Geschlecht ist ja ein Konstrukt Ihres Jahrhunderts. Können Sie diese Zuschreibung akzeptieren?
AvH: Nach Hermanns Tod war meine gerühmte Kraft gleich null. Kraft hatte ich nur, solange ich im sicheren Besitz des großen Hintergrundes war, der meinem Leben Wert gab, auf dem es sich abspielte. Aber jetzt ohne Hermann – ohne Mittelpunkt, ohne die Sonne, die Leben, Licht und Segen spendet – ist meine Existenz so wertlos und so gleichgültig, dass ich wie eine entwurzelte Pflanze nutzlos am Wege liege.

Anna von Helmholtz. Illustration: Sylvia Wolf
Anna von Helmholtz. Illustration: Sylvia Wolf

Doch hatten Sie all die Jahre Ihren Salon, auch nach dem Tode Ihres Mannes. Welche Rolle spielte dieser für Sie?
AvH: Ich habe meinen Salon als Anregung für Hermann und zum geistigen Austausch gerne geführt. Zu unseren Gästen gehörten seine Wissenschaftlerkollegen wie Bunsen, Mommsen, Planck, Virchow und ihre Gattinnen, unsere Künstlerfreunde, Diplomaten und gebildete Menschen vom Kaiserhof. Selbst Kronprinzessin Victoria kam. Das war mein Anteil am Geistesleben Berlins und die Begleitung Hermanns, wofür ich zu meinem größten Erstaunen den Louisen-Orden bekam. 

Sie gelten als das Ideal der großbürger­lichen Dame. Sehen Sie sich ebenso?
AvH: Vermutlich kann man das so sehen. Mag auch sein, dass ich für manche distanziert wirkte und nicht immer beliebt war. Ich sage es noch einmal an dieser Stelle: Ich war nicht die bescheidene Professorenfrau. Der Ruf von Hermann an die Berliner Universität hat mir die Kreise in Berlin geöffnet und diese Chance habe ich sinnvoll genutzt. Es gab 25 große Salons in Berlin und mein Salon hatte eine bemerkenswerte aufgeklärte Komponente, da zahlreiche Naturwissenschaftler bei uns verkehrten. Dass sie eine große Rolle spielten, hatte nicht nur etwas mit ihrem wachsenden Ansehen zu tun, sondern auch mit ihrer wachsenden Zahl. Manchmal kam eine Masse Menschen, aber da sie nichts aßen, war es ganz egal, ob viele oder wenige da waren. Es waren immer interessante Leute.

Sie sagten vorhin, dass Ihre Kraft nach Hermanns Tod Sie verlassen hat. Wie steht es um die Wissenschaft?
AvH: Wenn ich die Nachfolge meines Mannes in seiner Wissenschaft ansehe mit ihrem Zug zum Persönlichen und zum Mechanischen, dann wird es mir so schwer ums Herz. Es ist, als ob nur Spezialisten heute erstünden und als ob der Zusammenhang aller Geistesarbeit verschwunden sei.

Ein fiktives Interview von Angela Bittner-Fesseler.

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